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Teil-Lockdown ! Lila Freundinnen fehlen besonders!

Rudi Scherrle, 09.11.2020

Teil-Lockdown ! Lila Freundinnen fehlen besonders!

Bericht Filder-Zeitung vom 9.11.2020 von Susanne Degel

Ja nicht auch noch der erneute „Horror“
Der aktuelle Teil-Lockdown wegen Corona trifft sporttreibende Kinder und Jugendliche hart. Das zeigt unter anderem das Beispiel der Familie Arduc aus Bernhausen.Susanne Degel

 

Mina, 9, Aleyna, 8, und Alisha, 6, sind begeisterte Fußballerinnen. Noch zu Kindergartenzeiten haben die Schwestern beim TSV Bernhausen mit dem Kicken begonnen – auch weil Mama Sarah Arduc (beim SV Hoffeld) und Papa Selami Arduc (beim VfL Kaltental) einst ebenfalls Fußball gespielt haben. Zweimal in der Woche, immer dienstags und donnerstags, gehen die drei Mädchen ins Training der E- und F-Jugend, und am Wochenende stehen oft auch noch Spiele im Terminkalender. Es ist ein wichtiger Ausgleich zum Schulalltag, findet Sarah Arduc, die mit den Ihren obendrein regelmäßig im Schwimmbad anzutreffen ist.

Oder richtiger gesagt: war. Vergangenheit. Der partielle Lockdown, der am vergangenen Montag in Kraft getreten ist, hat den Arducs wie so vielen im Land den Stecker gezogen. Mannschaftssport verboten, Hallenbäder geschlossen – das ist die Vorgabe zumindest einmal für den November. In der Bernhausener Familie leidet man schon jetzt, nach wenigen Tagen.

„Ich merke, dass den dreien der Ausgleich fehlt“, sagt Sarah Arduc. Ihre Töchter hätten nach der Schule so viel Energie; diese müsse raus. Doch das Ventil Fußball ist nun weg. Stattdessen gehen die Arducs spazieren und fahren Rad, ein Ersatz sei das aber nicht. „Fürs Fußballtraining muss ich meine Mädels nie überreden, hier schon“, sagt Sarah Arduc und lacht. Noch kann sie lachen – weil immerhin an der Bruckenackerschule, auf die ihr Trio geht, Präsenz- und auch Sportunterricht stattfinden. Als „Horror“ empfände sie es, „wenn es wie im Frühjahr wieder zu einer Schließung auch der Schulen käme“. In jener Zeit seien ihre Mädchen zu richtigen Stubenhockerinnen geworden. Und Sarah Arduc musste schauen, wie sie unter den neuen Rahmenbedingungen ihren Job als Finanzbuchhalterin gestemmt bekommt.

Mit ihrem sportlichen Schicksal sind Mina, Aleyna und Alisha derzeit freilich nicht allein. Zu Jahresbeginn waren in den 5700 Mitgliedsvereinen des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) rund 663 000 Kinder und Jugendliche im Alter bis 18 Jahren gemeldet – davon 153 000 (7950 Teams) im Fußball und 37 000 (1450 Teams) im Handball, den beiden größten Verbänden.

Bei einer kürzlich durchgeführten Umfrage, an der sich 20 Prozent der Mitgliedsvereine beteiligt haben, kam heraus, dass knapp die Hälfte aufgrund der Pandemie mit einem Mitgliederrückgang rechnet. „Ein großer Teil sogar mit mehr als zehn Prozent“, sagt Thomas Müller vom Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation des WLSB. Genaues, auch wie der Rückgang speziell bei den Kindern und Jugendlichen aussieht, lasse sich aber erst im Mai sagen, wenn die Mitgliederzählung für das Jahr abgeschlossen ist.

Wie wichtig der Sport gerade im Verein für die Heranwachsenden ist, ist nicht erst seit Corona bekannt. „Die Kinder bewegen sich im Alltag immer weniger. Deshalb ist der Vereinssport auch so wichtig“, sagt Peter Bäuerle, der die sportwissenschaftliche Leitung beim 1. Kindersportverein Stuttgart mit Sitz in Rohr inne hat. Hart treffe der Teil-Lockdown nun vor allem diejenigen, die in der Stadt in einer kleinen Wohnung leben und kaum Möglichkeiten haben, ihre Power loszuwerden. Dabei sei wissenschaftlich erwiesen, dass sich Kinder nach sportlicher Bewegung deutlich besser konzentrieren können und auch wieder wesentlich aufnahmefähiger sind.

Genauso wichtig wie das Sporttreiben an sich ist aus Sicht Bäuerles die Interaktion mit Gleichgesinnten, die jetzt komplett fehlt. „Die Kinder leben davon“, sagt er. Online-Challenges seien zwar eine nette Abwechslung, aber keinesfalls vergleichbar mit dem Sport in der Halle oder auf dem Sportplatz. Was dort alles passiere, könne man daheim nicht schaffen.

Eine Erfahrung, die auch Sarah Arduc gemacht hat. Ihre Töchter vermissen eben nicht nur das runde Leder, sondern vor allem auch ihre Fußball-Freundinnen. „Manche gehen auf eine andere Schule, die sehen wir dann immer nur im Training“, sagt Mina traurig. „Und jetzt vier Wochen gar nicht mehr.“

Nadja Schott, Direktorin am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Uni Stuttgart, rät deshalb, dass sich zwei Familien mit Kindern zu gemeinsamen Aktivitäten zusammentun sollen. „Fahrtenspiele, Schnitzeljagd, Fangspiele – da bewegt man sich draußen, und die Kinder sind im Austausch miteinander“, sagt die Professorin. Es lasse sich Vieles organisieren, man müsse nur kreativ sein. Dass die Jungs und Mädchen möglicherweise in den nächsten Wochen von ihrer Fitness etwas einbüßen oder Fertigkeiten wie eine Rolle rückwärts wieder verlernen, sei nicht so schlimm. Kinder würden das sehr schnell wieder aufholen, wenn sie sich, wenn auch anders als im Training, weiterhin bewegten. „Wer die ausgefallenen Sportstunden allerdings nur am PC oder mit Fernsehschauen verbringt, bekommt Probleme“, sagt Schott.

Immerhin: soweit ist es bei Familie Arduc in Bernhausen noch nicht. Auch wenn die Langeweile zunimmt. Mina, Aleyna und Alisha sehnen den Dezember herbei, in der Hoffnung, dass dann wieder etwas geht. Ob das dann tatsächlich der Fall sein wird, weiß derzeit freilich niemand.

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