Filder-Zeitung: Bereit für das Spiel der Spiele

Rudi Scherrle, 28.04.2022

Filder-Zeitung:  Bereit für das Spiel der Spiele

Spvgg Cannstatt oder TSV Bernhausen? Vor dem Gipfelduell heute Abend gibt es eine Reihe von Parallelen zwischen den beiden Teams.

Franz Stettmer FZ:

Man müsste sich das mal in der Bundesliga vorstellen. Meisterumfrage zum Saisonbeginn bei den Vereinen, und am Ende stellt sich heraus: Fast alle sind falsch gelegen. Kollektiver Irrtum an der Tipperfront. Was im nationalen Fußballoberhaus praktisch als ausgeschlossen gilt, ist dort doch ein Nicht-Bayern-Titelgewinn seit Jahren in etwa so wahrscheinlich wie ein Schneesturm in der Sahara, das ist in der Stuttgarter Bezirksliga heuer Realität. Neun Spieltage vor dem Saisonende kann es keinen Zweifel mehr geben: Meister wird einer werden, den nahezu niemand auf dem Favoritenzettel hatte. Die sich zuspitzende Frage ist: wer? Welcher der beiden verbliebenen Kandidaten setzt sich durch?

Spvgg Cannstatt oder TSV Bernhausen? Seit mittlerweile vielen Wochen liefert sich dieses Duo ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Spitze. Am heutigen Donnerstagabend ist es nun so weit: Showdown, das große Gipfelduell. Am Neckar treffen der Zweite und Erste der Tabelle aufeinander. Und in einem Punkt herrscht dabei zwar Einigkeit: „Egal, wie es ausgeht, die Meisterschaft ist danach noch nicht entschieden“, sagt der Gastgeber-Trainer Carmine Napolitano und erhält ein zustimmendes Kopfnicken von seinem Gegenüber. Jener, Christopher Eisenhardt, fügt an: „Sollten wir gewinnen, wäre es ein kleiner Schritt, nicht mehr.“ Und doch ist klar: Ein „Dreier“ in diesem Spiel, das wäre ein Signal. Ein Zeichen der Stärke, womöglich mit dann beflügelnder Wirkung für die weiteren Aufgaben.

Wobei: viel mehr Flügel gehen schon fast nicht mehr. Beide Kontrahenten haben beeindruckende Erfolgsserien hinter sich. Ihre bislang jeweils letzte Liganiederlage liegt, wie es der Zufall will, exakt gleich lang zurück. Ende Oktober stolperten sie am selben Spieltag im Gleichschritt, seither stürmen sie im Gleichschritt: Cannstatt mit zehn Siegen und zwei Remis, Bernhausen mit elf Siegen und einem Remis. „Es sind zwei Mannschaften auf Augenhöhe“, sagt Napolitano, der als einstiger Vaihinger Coach selbst eine sportliche Filder-Vergangenheit hat.

Doch nicht nur das: überhaupt gibt es viele Parallelen. Auch haben beide Teams in der Staffel die meisten Treffer erzielt und die wenigsten kassiert. Beide verfügen über Kader mit höherklassig erprobten Eckpfeilern. Beide haben in Behar Hasanaj und Ivan Matanovic herausragende Torjäger in ihren Reihen. Und: beide haben zuletzt in der Winterpause noch einmal namhaft nachgelegt – die Cannstatter mit der Verpflichtung des früheren türkischen Erstliga-Profis Kagan Söylemezgiller und des einst im eigenen Verein groß gewordenen Ballvirtuosen Daniel Bosnjak, die Bernhausener eben mit Matanovic.

Bei der Konkurrenz hat man diese Personalien als Angriffsansage verstanden – als finales Indiz für die Ambitionen beider Clubs. Aus jenen macht inzwischen keiner der direkt Beteiligten mehr einen Hehl. „Der Wille von Mannschaft und mir ist groß. Wir wollen hoch“, sagt Napolitano. Etwas weniger deutlich drückt es Eisenhardt aus. Freilich, der Tenor ist der gleiche: Wenn man so nah dran ist, möchte man es auch packen. „Sollte es nun am Schluss nicht reichen“, wäre laut Eisenhardt „schon auch eine Enttäuschung dabei.“ Definitiv wird es für einen ein herausragender Eintrag in seiner Vereinsgeschichte: Für die Spvgg Cannstatt wäre es zum überhaupt ersten Mal die Landesliga, für den TSV Bernhausen zum ersten Mal wieder seit 35 Jahren.

Wohl auch vor diesem Hintergrund erwartet Eisenhardt auf dem kleinen Kunstrasenplatz des Gegners „eine sehr intensive, zweikampfbetonte Partie“. Gerne auch mit erneutem Nervenkitzel und einem Ausgang wie im Hinspiel: Jenes gewannen die Filderstädter mit 3:2.

Ach ja: wer eigentlich die angedeuteten ursprünglich Höchstgewetteten waren? Die Antwort: Musberg und Türkspor. Die sind nun Sechster und Dreizehnter. Was gäbe in der Bundesliga manch einer dafür, wenn sich auch dort die Dinge vorn in der Tabelle zur Abwechslung mal mit so viel Überraschungspotenzial gestalteten?

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