Bericht Filder-Zeitung: Andy Brehme und das beglückte Geburtstagskind

Rudi Scherrle, 15.03.2022

Bericht Filder-Zeitung: Andy Brehme und das beglückte Geburtstagskind

Der TSV Bernhausen und die Spvgg Möhringen sind die großen Gewinner des Spieltags der Fußball-Bezirksliga. Zugleich wächst allerorts eine Sorge.

Franz Stettmer - Filder-Zeitung vom 15.3.22

Das Wort zum Sonntag sprach Peter Breuer. Der Vaihinger Fußballchef nahm schließlich eine Anleihe beim Weltmeister Andy Brehme und zitierte jenen ganz unverblümt: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ Damit dürfte er in der Stuttgarter Bezirksliga bei nicht wenigen den aktuellen Nerv getroffen haben. Eine Spielklasse ächzt. Soeben erst hat die Rückrunde begonnen, doch die Mehrheit des Starterfelds kommt schon jetzt so ausgemergelt daher, als hätte sie einen Marathonlauf hinter sich. Personalnot allenthalben. Nicht nur, aber vor allem Corona lichtet die Reihen, weshalb manch einen bereits eine düstere Ahnung befällt: Liegt die Wahrheit in dieser Saison nicht allein auf dem Platz, wie in Otto Rehhagel einst ein anderer Großer der Branche wusste, sondern womöglich auch beim Wochencheck an der Virusteststation? Das Wattestäbchen in der Nase als Richtungsweiser dafür, wer am Ende eben jene Nase wie weit vorne haben wird?

Nun, zumindest bei zwei Mannschaften kann man es einstweilen mit relativer Gelassenheit sehen, denn sie sind auch so die großen Gewinner des Spieltags. Der TSV Bernhausen und die Spvgg Möhringen dürfen sich als Derbysieger feiern lassen – womit der eine seine Tabellenführung gefestigt hat und beim anderen im Tabellenkeller neue Hoffnung keimt. Im Fall des TSV Bernhausen lassen sich so die weniger erfreulichen Umstände jedenfalls gut übertünchen. Mit ihrem 2:0-Sieg beim TSV Musberg haben die Filderstädter einen weiteren dicken Brocken aus dem Weg geräumt. Und diese drei Punkte sind das, was für den Trainer Christopher Eisenhardt am Ende allein zählte. „Dass es spielerisch diesmal schwierig wird, das haben wir von vornherein gewusst“, sagt er. Zu ungünstig waren die Vorzeichen.

Blickt man auf die Aufgebote der beiden Kontrahenten, könnte einen der Verdacht beschleichen, dass sich diese einen zusätzlichen Wettstreit abseits des Rasens lieferten: darin, wer mit den gewichtigeren Ausfällen aufwarten kann. Ein gutes halbes Dutzend eigentlicher Leistungsträger fehlte bei den Gastgebern (Wiederoder, Rath, Stoll, Michael Simon, Grivas, Zschorsch, Minhas), während Eisenhardt durch das eher kurzfristige Aus immerhin eines Stammkräfte-Quartetts ins Schwitzen kam (Forzano, Berisha, Böhmer, Zegrova). So mutierte das erhoffte Hochkaräterduell eher zum Angeschlagenenduell. Oder, um es mit Eisenhardt zu sagen: „Ein fußballerischer Leckerbissen war es nicht.“

Die Schlüsselszene und zugleich der größte Aufreger der Partie ereignete sich in Hälfte eins: Nachdem sich der Musberger Keeper Simon Hochschein den Ball geschnappt hatte, ging sein Gegenspieler Ivan Matanovic zu Boden – und entschied der Schiedsrichter zum Entsetzen der Gastgeber auf Elfmeter. „Da war gar nichts. Er hat sich einfach hingeworfen“, moniert Eisenhardts Gegenüber Jaroslav Kostenko. Sicher ist für ihn: „Dieser eine Moment hat für uns das ganze Spiel zerstört.“ Den fälligen Strafstoß wehrte Hochschein zwar ab, aber der Nachschuss des Schützen Alperen Albayrak saß. Es war ein Wirkungstreffer. Der zum K. o. folgte dann in Durchgang zwei, als für Bernhausen der eingewechselte Ali Karakoc einen Stellungsfehler des Youngsters Philipp Haug kühl bestrafte.

In der Tabelle sind es nun bereits mächtige zehn Zähler Abstand zwischen dem ursprünglichen und dem aktuellen Titelfavoriten. Man könnte auch schlussfolgern: War’s das also endgültig für das schon seit Saisonbeginn mit Personalsorgen kämpfende Kostenko-Team? Der Coach selbst sagt es so: „Der Aufstieg ist nicht das Thema. Ich bin positiv überrascht, wie die Mannschaft unter den genannten Bedingungen aufgetreten ist.“ Auf ein Neues am nächsten Wochenende. Dann kann er davon ausgehen, dass man auch in Bernhausen für die Seinen Daumen drücken wird. Es folgt für die Musberger die wohl nicht minder einfache Aufgabe beim Zweiten Spvgg Cannstatt.Was Aufstellungsnöte betrifft, werden die Musberger indes von einem Mitstreiter noch bei weitem getoppt – und damit zurück zum SV Vaihingen und dessen Abteilungsleiter Breuer. Jener hat eine anstrengende Woche hinter sich. Telefonate mit verletzten Spielern, Telefonate mit kranken Spielern, Telefonate mit der Corona-Hotline des Verbands. Auf der Habenseite konnte er schließlich so viel zählen, wie er wollte: Vom eigentlichen Kader hat es für keine elf Mann mehr gereicht. Das Problem im Problem: sieben positiv getestete Kicker waren gleichzeitig nicht genug, um nach den offiziellen Regularien eine Spielabsage zu erwirken.

So galt am Ende: Jeder, dem nicht virusbedingt die Nase trieft, der zudem noch gerade aus laufen kann und der nicht bei drei auf den Bäumen ist, bitte Sporttasche packen und Kickschuhe schnüren. Am Start waren die Vaihinger untere anderem mit zwei Zweite-Mannschaft-Kickern (Niklas Villinger, David Hetz) sowie drei Akteuren, die seit Wochen nicht mehr im Training waren. Wenig überraschend kam für Breuer das Ergebnis: Die Schwarzbachkicker kassierten ihre dritte Niederlage innerhalb von nur acht Tagen, diesmal ein glattes 0:3 beim Ortsnachbarn Spvgg Möhringen . Und wie es dann so ist, wenn man mal in einem Lauf nach Brehme’schem Duktus ist, die Schlappe leiteten sie auch noch selber ein. Ein verhängnisvoller Querpass von Jean-Jacques Ebongue direkt vor die Füße des Gegners brachte sie früh auf die Verliererstraße. Der Co-Trainer Gunar Fuchs musste hilflos zuschauen. Er vertrat an der Seitenlinie erneut seinen Chef Stephan Tregel. Jener fehlte ebenfalls erneut – richtig: krankheitsbedingt.

Freilich, zur Wahrheit des Derbys gehört auch: Die Möhringer Gastgeber machten die Sache ihrerseits gut. Mehr und mehr erkennbar ist beim Tabellenletzten die Handschrift des neuen Trainers Sascha Gavranovic. Bissig, griffig, offenbar mittlerweile wieder mit dem Glauben an sich selbst, so tritt die Mannschaft auf. Und so auch bastelt sie weiter am erhofften „Fußballwunder“. Hätten bis vor Kurzem wohl selbst größte Optimisten keinen Cent mehr auf die Möhringer gesetzt, stellt sich die tabellarische Lage inzwischen anders dar. Nur noch vier Punkte zum Relegationsplatz. Keine Frage: spätestens mit ihrem aktuellen dritten Dreier in Serie sind die vormals vermeintlich Chancenlosen zurück im Geschäft. Zumal der nächste Gegner im TV Zuffenhausen ein direkter Konkurrent aus der Abstiegszone ist.

Als Matchwinner reüssierte am Sonntag einer der Winterpausen-Neuzugänge. Der von Gavranovics Ex-Verein TSV Harthausen gekommene Milan Zeljkovic war an allen drei Treffern direkt beteiligt. Zwei erzielte er selbst. Einen, jenen von Christian Graf, bereitete er vor. Und so strahlte am Ende vor allem einer: Gavranovic. Wegen des Ergebnisses. Wegen des ermutigenden Auftritts just gegen seinen Ex-Verein (2005 bis Dezember 2007). Und auch noch aus einem weiteren ganz persönlichen Grund. Der Trainer hatte am Spieltag Geburtstag, seinen 55. „Einen perfekteren Tag konnte ich mir nicht wünschen. Die Mannschaft hat mir das schönste Geschenk gemacht“, sagt er.Insgesamt gingen drei Filderteams als Gewinner vom Feld. Auch der TSV Rohr konnte am Ende zufrieden sein, nachdem es zwischendurch schon nach einem dusteren Nachmittag für ihn ausgesehen hatte. Beim 3:2-Sieg gegen die erwähnten Zuffenhausener wartete der Tabellenelfte mit zwei konträren Hälften auf. 45 Minuten pfui, 45 Minuten hui. „Zunächst waren wir immer einen Schritt zu spät, nicht zwingend in den Zweikämpfen“, sagt der Trainer Fabio Lapeschi. Die Folge: ein Zwei-Tore-Rückstand zur Pause. Im zweiten Durchgang bekam seine Elf dann aber die Kurve. Fabian Henkelmann und der eingewechselte Sissoko Mamadou jeweils per Kopf sowie Thomas Leimbach mit einem Abstauber drehten die Partie.

Aufgeatmet haben dürfte darüber nicht zuletzt der Teamkollege Nicolas Münch. Den kuriosesten Treffer hatte zuvor er erzielt – dummerweise in die falsche Richtung. Ein Rückpass von ihm war im eigenen Tor gelandet. Münch hatte übersehen, dass der eigentliche Adressat, der Keeper Daniel Jocic, einige Meter außerhalb seines Kastens stand. Der Rohrer Pechvogel vom Dienst heißt derweil weiter Jannik Maus. Nachdem der 29-Jährige im vergangenen Jahr nach einer Kieferoperation lange hatte pausieren müssen, hat es ihn nun zum zweiten Mal am Knöchel erwischt – wieder ein Bänderriss. Auch in diesem Fall fällt einem Andy Brehme ein.Oder der Staffelrivale SV Sillenbuch . Bei diesem steuert der Trainer Zvonimir Topalusic unverändert unfreiwillig auf Rekordkurs. Beim 3:3 in Feuerbach hat er bereits seine Spieler Nummer 33 und 34 in dieser Saison eingesetzt, namentlich Tim Rumersch und Jerry Nkamanyi. Abermals war ob diverser Ausfälle auch bei den Kickern vom Spitalwald personelles Improvisationstalent gefragt. Zumindest die Rechnung mit Nkamanyi ging auf, den sein Coach nach überstandenem Kreuzbandriss notgedrungen gleich ins kalte Wasser warf. Der Angreifer sicherte mit seinem Ausgleichstreffer zum leistungsgerechten Endstand einen Punkt.

Wett gemacht damit, dass den Sillenbuchern ebenso wie den Rohrern ein Eigentor der recht ungewöhnlichen Art unterlief. Yannik Jennert hatte zuvor den Ball unbedrängt ins Netz geköpft. „Ein Blackout von ihm“, sagt Topalusic, der nun hofft, dass sich sein Lazarett bald wieder leert. Sicher sein kann man da in diesen Tagen eher nicht. Selbst dann nicht, wenn von der Nasenstäbchenfront kein Alarmsignal kommt. Der Torjäger Sascha Blessing etwa fehlte mit einem Hexenschuss. Kein Corona, auch nix am Fuß, sondern Rücken.

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