Filder-Zeitung Bericht Bezirksliga

Rudi Scherrle, 01.03.2022

Filder-Zeitung Bericht Bezirksliga

Spitzentrio-Frust, Krankenwagen und ein Windbö-Tor

Die Stuttgarter Fußball-Bezirksliga ist aus der Winterpause zurück. Von den fünf im Einsatzbefindlichen Filderteams haben nur zwei Grund zur Freude.

Franz Stettmer (FZ)

An der Tabellenspitze ein siegloses Führungstrio, im Tabellenkeller ein Aufstand der Hinterbänkler, dazu ein Krankenwagen-Einsatz und insgesamt sechs Platzverweise – nach drei Monaten Winterpause hat sich die Stuttgarter Fußball-Bezirksliga turbulent zurückgemeldet. Zu den Spielern des Tages aus Filder-Sicht avancierten ein Rohrer und ein Möhringer, während man in Sillenbuch mit dem kuriosesten Treffer des Auftaktdurchgangs hadert. Um eine Woche verschoben ist die Entscheidung über den Halbzeitmeister.Die gute Nachricht für die Kicker des TSV Bernhausen : sie können sich diesen inoffiziellen Titel nach wie vor aus eigener Kraft sichern. Die ärgerliche Erkenntnis dagegen: sie hätten es in Anbetracht der anderen Ergebnisse bereits am aktuellen Spieltag tun können, haben diese Chance aber liegen gelassen. Mit einem 2:2 bei der SG Untertürkheim hatten die inzwischen zum Meisterschaftsfavoriten aufgestiegenen Filderstädter einen holprigen eigenen Auftakt. „60 Minuten lang war es ganz in Ordnung, dann zum Vergessen“, sagt der Trainer Christopher Eisenhardt. Vor allem drei Begebenheiten verhagelten ihm die Laune.

Erstens ein Aussetzer seines Verteidigers Henry Alber. Der Youngster spielte einen verhängnisvollen Rückpass in die Beine des Gegners, welchen dieser prompt zum Ausgleich nutzte. Zweitens die Tatsache, dass beim eigenen Team von da an insgesamt nichts mehr ging. „Blockade im Kopf“, konstatiert Eisenhardt. Drittens, freilich passend dazu: dass in der Nachspielzeit dann auch noch Agonis Berisha die Riesenchance zum Lucky Punch vergab. Der Torjäger chippte den Ball gegen die Querlatte. „Ein Sieg“, räumt Eisenhardt ein, „wäre allerdings auch nicht verdient gewesen.“ Auch, weil der Kontrahent seinerseits „alles reingehauen hat“.

Nur zu einem Zähler verhalfen also die beiden Weitschuss-Treffer von Berisha und Julijan Milos aus Hälfte eins, mit denen die Gäste die Begegnung zwischenzeitlich gedreht hatten. Ungewohnt war für sie schon der Beginn gewesen: Beim frühen 0:1 hatte einer der sonst Zuverlässigsten gepatzt. Der Keeper Luis Miguel Rodrigues hatte, falsches Timing, einen Untertürkheimer Angreifer abgeräumt und somit einen Elfmeter verursacht.

Merke: aller Anfang ist schwer? Auch für eine Mannschaft, die von ihren vergangenen 18 Punktspielen nur eines verloren hat? Sieht so aus. Am nächsten Sonntag in einer weiteren Nachholpartie bei Beograd Stuttgart soll es besser klappen. Dann auch ist der Winterneuzugang Ivan Matanovic erstmals dabei. Die Wechselsperre des vormaligen Torschützenkönigs der Staffel (2019/20 für Croatia Stuttgart) läuft in dieser Woche ab. Dass die Bernhausener es nach wie vor selbst auf den Füßen haben, noch vor dem Rückrundenbeginn am 13. März zurück an die Spitze zu klettern, haben sie dem TSV Musberg zu verdanken. Jener sorgte dafür, dass auch der Titelrivale Spvgg Cannstatt nicht optimal aus den Startblöcken kam. Endstand am Turnerweg: ebenfalls ein 2:2. Weitere Duplizität der Ereignisse: auch die Musberger lagen erst hinten, dann nach einem Doppelschlag vorn, ehe auch sie eine alles in allem gerechte Punkteteilung quittierten.

„Cannstatt war unser bisher stärkster Gegner“, sagt der Trainer Jaroslav Kostenko – was allerdings keinen falschen Eindruck vom Niveau der Begegnung vermitteln soll. Diese war vor allem in den zweiten 45 Minuten von Kampf, Krampf und Hitzigkeit geprägt. Highlights der Gastgeber waren die beiden eigenen Treffer, die weitgehend auf das Konto eines Saisondebütanten gingen. Der Torjäger Manuel Rath gab nach monatelanger Verletzungspause ein viel versprechendes Comeback: Erst war er nur per Foul zu stoppen und holte somit einen Elfmeter heraus, den Lukas Zug verwandelte. Dann netzte der 27-Jährige aus einem Strafraumgetümmel heraus selbst ein. Hinzu kamen ein umstrittenes Abseitstor von ihm sowie ein Lattentreffer von Marlon Stoll.

Inwieweit das Resultat hilft? Ob die Musberger, bei denen der Neuzugang Sebastian Gückel (vom TSV Plattenhardt) in der Innenverteidigung überzeugte, im Aufstiegsrennen tatsächlich noch einmal heranschnuppern können? Kostenko verspricht zumindest dies: „Ich werde weiter alles versuchen, aus der Mannschaft das Bestmögliche herauszuholen.“ Ungeachtet des wie berichtet bereits besiegelten Abpfiffs für den Coach nach dieser Saison. Und trotz des Umstands, dass der Impuls für Kostenkos bevorstehendes Aus ja eben aus dem Kreis dieser Mannschaft gekommen ist.

Von Sommer an sieht Kostenko seine Zukunft dann eher nicht mehr im Aktiven-, sondern zurück im Nachwuchsbereich. Seit Herbst bereits fungiert er parallel zu seinem Job in Musberg als Honorartrainer am Verbandsstützpunkt in Ruit. U-12- bis U-15-Junioren. Die Tendenz geht dahin, dieses Engagement zu forcieren.Ein anderer dagegen, der Kollege Zvonimir Topalusic vom SV Sillenbuch , bleibt im Amt – gleichwohl er sich gleich am Sonntag hätte fragen können, was er sich mit seiner Zusage für eine weitere Saison angetan hat. Der Auftakt für ihn und die Seinen war jedenfalls kein erquicklicher. Und das lag nicht nur an der 0:1-Niederlage bei Türkspor Stuttgart, dem personell komplett neu aufgestellten Tabellenvorletzten.

Düpieren ließen die Sillenbucher sich von einer gegnerischen Zehn, nachdem Alperen Gürer für eine Grätsche gegen Nico Hering Rot gesehen hatte. Und: am Ende standen die Gäste nicht nur ohne Punkte da, sondern auch ohne Torhüter. Für Luis Kaltapanidis ging es mit dem Krankenwagen in die Klinik – Verdacht auf Rippenbruch. Was umso schwerer wiegt, weil in Simon Vögele (Rekonvaleszent nach Daumenbruch) und Manuel Mümmler (private Auszeit seit Oktober) bereits beide ursprünglichen Keeper des Kaders fehlen. Beendet haben die Sillenbucher die Partie notgedrungen mit einem Feldspieler zwischen den Pfosten. Sascha Blessing streifte sich die Handschuhe über.

Immerhin: zu tun bekam er nicht viel. „Eigentlich egal, wer im Kasten stand. Vom Gegner kam kein Schuss aufs Tor“, knurrt Topalusic. Einmal war der Ball dummerweise dennoch drin, und zwar auf kuriose Art. Nach einer Windbö senkte sich die Kugel über den zu diesem Zeitpunkt noch mitwirkenden Kaltapanidis. Hinzu kam ein Bodycheck eines Gegenspielers gegen ihn – von daher die Verletzung. „Klares Foul“, sagt Topalusic. Der Schiedsrichter sah es jedoch anders.Das Türkspor-Resultat passt indes ins Muster. Wie gesagt: Aufstand im Tabellenkeller. Auch noch zwei andere Teams fuhren dort wichtige Siege ein, nämlich die Filderclubs TSV Rohr und Spvgg Möhringen. Bei den Rohrern bedeutet das 3:2 gegen den MTV Stuttgart einen guten Einstand für den neuen Trainer Fabio Lapeschi – und das Ende einer Durststrecke. Der bislang letzte Heimerfolg lag fast auf den Tag genau fünf Monate zurück. Umso größer die Erleichterung. „Es ist auch für die Moral gut, zu wissen, dass wir noch gewinnen können“, sagt Lapeschi.

Was den Matchwinner anbelangt, bewies er ein glückliches Händchen. Die Maßnahme, den Abwehrmann Thomas Leimbach zum Mittelstürmer umzufunktionieren, erwies sich als Volltreffer. Der 25-Jährige stellte nach einer enttäuschenden ersten Hälfte seiner Elf mit zwei Treffern innerhalb von fünf Minuten die Weichen. Lapeschis Urteil: „Er ackert, er ist schnell – ein richtig guter Job von ihm.“ Verschmerzen können wird es Leimbach, dass das Traumtor des Spiels indes einem anderen gelang. Der Trainer-Bruder Giampiero, der Oldie der Liga (42), zirkelte den Ball per Freistoß in die Dreiangel.Unterdessen hatte die Spvgg Möhringen beim 5:3 gegen den TV Zuffenhausen ihren spielentscheidenden Doppelpacker in Christian Graf. Letzterer machte mit zwei feinen Einzelleistungen den Deckel drauf in einer Partie, die nichts für schwache Nerven war. „Gefühlt bin ich an diesem einen Nachmittag fünf Jahre älter geworden“, sagt der Möhringer Trainer Sascha Gavranovic.

Zu sehen bekam er zwei komplett konträre Halbzeiten. Eine rabenschwarze erste, die sämtliche düsteren Erinnerungen an die Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie des alten Jahrs aufleben ließ. Fehlpässe, individuelle Aussetzer, defensive Orientierungslosigkeit. Beim Stand von 1:3 schien im Kampf um den Klassenverbleib bereits alles vorbei. Dann folgte aber ein zweiter Durchgang, in dem es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Da hat die Mannschaft plötzlich all das gezeigt, wofür wir wochenlang trainiert haben“, sagt Gavranovic. Seinen größten Unglücksraben hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits erlöst. Für den 18-jährigen Rayan Saqar Jawhar war auf seiner neuen Position in der Abwehrzentrale schon nach 39 Spielminuten Schluss.

Die spannende Frage ist: welches ist das wahre Gesicht? Das zunächst „erschreckende“, wie Gavranovic es nennt, oder das danach ermutigende? Die Antwort müssen die nächsten Wochen bringen. Es war ja gerade erst der Anfang. 15 weitere Spieltage folgen.

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